Watt’n Watt!

von Manfred Jansen am 21.09.2016 / in Die Kapitel
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When was the last time you did something for the first time? An diese Frage habe ich in den letzten Tagen öfter gedacht, war sie doch mal Gegenstand sinniger Nachdenklichkeit, die ich – man glaubt es nicht – bereits 2012 hier in Buchstaben sortiert hatte. Und tatsächlich hatte ich vorgestern auf meine alten Tage noch ein erstes Mal. Trockenfallen mit Rüm Hart! Achtung, der Anlass verlangt nach Textlänge und vielen Fotos (anklicken) 😉 .

Vlieland Ost ist am letzten Montag der Starthafen. Hochwasser ist um 11:27 Uhr, also lege ich um halb elf ab. Die Karte zeigt die Situation bei Niedrigwasser. Gelb = Land (o.l. Vlieland Ostspitze), weiß = tiefes Wasser, blau = flaches Wasser, grün = Land das bei Niedrigwasser rausguckt. Komisches Gefühl über „Land“ zu fahren, aber die Rechnung geht auf, an keiner Stelle habe ich weniger als 50 cm Wasser unter den Kielen. Kaum Wind, kaum Welle.

Um halb zwölf, also genau zu Hochwasser, fällt der Anker auf 1,70 m Wassertiefe. Dann ist Ruhe in meiner Welt. Ein bisschen beunruhigt mich, dass hin und wieder ganz schön Schwell von den Fähren bis hier her läuft. Es ist 13:41 als es zum ersten Mal rumpelt. Die Stöße werden kräftiger, immer wieder werde ich angehoben und nicht gerade sanft auf den ziemlich harten Sand gesetzt. Erschütterungen bis ins Rigg, das sich klappernd und zitternd beschwert.

Rüm Hart tanzt wie ein besoffener Bär von einem Bein auf’s andere. Heißt: wird mal mit dem einen, mal mit dem anderen Kiel auf den Sand gewuchtet. Es ist regelrecht zu spüren, wie die Bleibomben sich ihre Kuhlen graben.

Das geht 20 Minuten so, dann steht das Schiff endgültig auf beiden Kielen, das Geschwanke um die Längsachse hat ein Ende. Nur noch ein Nicken um die Querachse bleibt noch für eine ganze Weile. Um viertel vor drei ist Ruhe im Schiff.

Ungeduldig warte ich auf begehbare Wassertiefe und bin gespannt, ob meine Kalkulation aufgeht. Sie geht. Kurz vor sechs ist Niedrigwasser, aber bereits um vier stehe ich im wadentiefen Restwasser, die Strömung ist jetzt nur noch sehr schwach, und dann ist das Wasser weg, Rüm Hart steht auf drei Beinen auf dem nassen, aber ziemlich festen Sand.

Was folgt ist unbeschreiblich (obwohl ich es an fast gleicher Stelle vor 14 Tagen mit den Reiterseglern schon einmal erlebt habe). Jetzt bin ich allein, zumindest was menschliches Leben angeht (muss man das hier unterscheiden?). Diese Weite, die Ruhe vor künstlichen Geräuschen. Man weiß nicht, wo man zuerst hinschauen und -hören soll.

Leben gibt es in übertriebener Hülle und Fülle. Unmöglich nicht auf Fauna oder Flora zu treten, jede Bierdeckelfläche lebt. Ein Krebs hat sich unter dem Boot vor den Möwen in Sicherheit gebracht. Fotografiert zu werden scheint für ihn genau so schlimm zu sein, wie gefressen zu werden. Ich lass ihn in Ruhe.

Das Wetter spielt mit. Wolkenformationen, Lichtspiele und -spiegelungen. Und dann ziehen Schwalben- und Starenschwärme über mich hinweg. Ich stehe in the middle of nowhere, als Fixpunkt nur mein „Mutterschiff“ in erreichbarer Nähe.

Nach 2 Std. Wattwanderung habe ich Hunger. Abendessen in zweieinhalb Meter Höhe über’m Watt. Das Wasser kommt mit Macht zurück, es scheint es sehr eilig zu haben. Die Rumpelei beim Abheben hält sich in Grenzen. Ganz im Gegensatz zum grandiosen Blick in den grenzenlosen Sternenhimmel. Die Milchstraße sieht man auch nicht alle Tage. Aber hier gibt’s halt keinen Lichtsmog – zumindest nachdem ich mein Ankerlicht mal für 10 Minuten ausschalte.

IF

morgens um sechs bei Niedrigwasser

Der holprige Landeanflug wiederholt sich in der zweiten Nachthälfte. Schlafen kann man dabei nicht. Um sechs muss ich mal für kleine Skipper und bekomme das nächste Lichtspiel zu sehen. Ich stehe im Schlafpolter im Cockpit – es ist relativ warm – und fotografiere.

Vormittags gegen halb elf geht der Anker hoch und ich schleiche mich ins tiefere Wasser und dann ab nach Süden Richtung Kornwerderzand. Kaum Wind, also unter Maschine, ich muss das Wattenhoch südlich des Inschot beim nächsten Hochwasser schaffen. Dafür werde ich mit einem neuen Rekord belohnt: Ganze 20 Minuten für Brücke und Schleuse und ich bin wieder im IJsselmeer.

Hindeloopen

Anderthalb Stunden später finde ich in Hindeloopen noch eine Ecke für Rüm Hart. Welch ein Unterschied zu den letzten 24 Stunden!

3 Kommentare

  • Peter says:

    Super Bilder und toll geschrieben. Das war bestimmt sehr aufregend! Ich möchte nicht wissen, was dir alles dur h den Kopf ging als du am Nachmittag die ersten Grundberührungen hattest…

  • Eric Merten says:

    Im August durften wir uns dieses Leben auch anschauen. Unglaublich, was sich da aus jedem Zentimter des Wattschlamms für ein Gewusel hervor tut. Besonders ulkig fanden wir die Krebse mit „Frisur“. Die saßen anscheinen lange genug regungslos im Watt rum, das ihnen der Seetang einen Kopfbewuchs formen konnte.
    Besonders beeindruckend vor allem für unsere Kids war der wunderbare Sternenhimmel, der sich ohne störendes Fremdlicht da vor einem auftut. Und mittendurch zieht sich das fahle Band der Milchstraße.
    Als dann der Mond als rote Halbkugel am Horizont erschien, haben wir ihn zuerst für ein anderes Schiff gehalten, so unwirklich wirkte die Situation.
    Ein wunderbares Erlebnis ganz ohne Bildschirm und Gedudel. Einfach nur die Natur. Phantastisch!

  • Peter says:

    Wunderbar! Kann man das Watt doch glatt in Deinem Beitrag riechen und spüren. Danke für die morgendliche Stimmungsanhebung!